Während die proportionale Rückversicherung Prämien und Schäden im Verhältnis aufteilt, konzentriert sich die nicht-proportionale Rückversicherung ausschließlich auf die Schadenhöhe. Sie ist der primäre Mechanismus, um den Erstversicherer vor katastrophalen Verlusten oder einer Anhäufung von Großschäden zu schützen.
Das Prinzip der Nicht-Proportionalität
Bei der nicht-proportionalen Rückversicherung (Non-Proportional Reinsurance) zahlt der Erstversicherer eine feste Prämie an den Rückversicherer. Im Gegenzug leistet der Rückversicherer nur dann Zahlungen, wenn der Schaden des Zedenten einen vertraglich festgelegten Betrag, die sogenannte Priorität (Retention oder Attachment Point), übersteigt.
Der Rückversicherer ist nicht am gesamten Prämienvolumen des Zedenten beteiligt, sondern trägt lediglich das Risiko der Schadenexzedenten. Dies führt zu einer klaren Trennung: Der Erstversicherer trägt die „normalen“ und erwartbaren Schäden, während der Rückversicherer die seltenen, aber potenziell existenzbedrohenden Großschäden abdeckt.
Die Hauptformen der Nicht-Proportionalen Rückversicherung
Die beiden wichtigsten Formen der nicht-proportionalen Rückversicherung sind der Excess of Loss (XL) und der Stop Loss Vertrag.
1. Excess of Loss (XL) – Exzedenten-Rückversicherung
Der Excess of Loss Vertrag schützt den Erstversicherer vor Schäden, die einen bestimmten Betrag überschreiten. Er wird weiter unterteilt, je nachdem, ob er sich auf Einzelschäden oder die Kumulation von Schäden bezieht.
a) Einzelschaden-XL (Working Excess of Loss – WXL)
Der WXL-Vertrag schützt den Erstversicherer vor der finanziellen Belastung durch einzelne, sehr große Schäden.
- Struktur: Der Vertrag wird definiert als „X Euro Excess of Y Euro“ (X € ex Y €).
- Y (Priorität): Der Betrag, den der Erstversicherer pro Einzelschaden selbst trägt.
- X (Haftungsstrecke): Der Betrag, den der Rückversicherer maximal pro Einzelschaden übernimmt.
- Beispiel: Ein Vertrag über 5 Millionen Euro ex 1 Million Euro.
- Schaden von 800.000 Euro: Trägt der Erstversicherer komplett.
- Schaden von 3 Millionen Euro: Der Erstversicherer zahlt 1 Million Euro (Priorität), der Rückversicherer zahlt 2 Millionen Euro (Exzedent).
- Schaden von 7 Millionen Euro: Der Erstversicherer zahlt 1 Million Euro, der Rückversicherer zahlt 5 Millionen Euro (maximale Haftung), die restlichen 1 Million Euro fallen wieder auf den Erstversicherer zurück (oder werden durch eine weitere Rückversicherungsschicht, eine sogenannte Layer, abgedeckt).
b) Kumulschaden-XL (Catastrophe Excess of Loss – CAT XL)
Der CAT XL-Vertrag ist der wichtigste Schutzmechanismus gegen Katastrophenereignisse, die eine Vielzahl von Einzelverträgen gleichzeitig betreffen (z.B. Erdbeben, Überschwemmungen, Wirbelstürme).
- Fokus: Er schützt vor der Kumulation von Schäden aus einem einzigen Ereignis (Per-Event-Basis).
- Funktionsweise: Die Priorität wird erst erreicht, wenn die Gesamtsumme aller Schäden aus einem definierten Ereignis den Schwellenwert überschreitet.
- Bedeutung: CAT XL ist essenziell für die Solvenz von Versicherern in exponierten Regionen und ermöglicht es ihnen, ihre Bilanz vor den extremen, aber seltenen Ereignissen zu schützen.
2. Stop Loss (Jahresüberschadenrückversicherung)
Der Stop Loss Vertrag, auch bekannt als Aggregate Excess of Loss, schützt den Erstversicherer nicht vor einem einzelnen Schaden, sondern vor einer ungünstigen Entwicklung der gesamten Schadenquote (Loss Ratio) über ein Geschäftsjahr.
- Fokus: Er schützt vor einer Kumulation von häufigen, aber unerwartet hohen „normalen“ Schäden.
- Struktur: Der Rückversicherer haftet, wenn die gesamte Schadenquote des Zedenten (Schäden im Verhältnis zu den Prämien) einen bestimmten Prozentsatz überschreitet.
- Beispiel: Ein Vertrag über 20 % ex 100 % der Nettoprämie.
- Die Schadenquote des Zedenten beträgt 115 %.
- Der Erstversicherer trägt die ersten 100 %.
- Der Rückversicherer übernimmt 15 % (115 % – 100 %), maximal jedoch 20 % der Nettoprämie.
- Bedeutung: Stop Loss dient der Stabilisierung des technischen Ergebnisses und der Begrenzung des jährlichen Gesamtrisikos.
Vergleich: Proportional vs. Nicht-Proportional
| Merkmal | Proportionale RV | Nicht-Proportionale RV (XL) |
|---|---|---|
| Risikoteilung | Prämie und Schaden werden geteilt | Nur Schaden wird geteilt (wenn Priorität überschritten) |
| Prämie | Variabel (Anteil der Originalprämie) | Fest (unabhängig vom Originalrisiko) |
| Zweck | Kapitalentlastung, Kapazitätserweiterung | Schutz vor Großschäden/Katastrophen |
| Verwaltung | Höher (laufende Abrechnung) | Geringer (nur bei Schadenfall über Priorität) |
Die nicht-proportionale Rückversicherung ist ein hochspezialisiertes Instrument, das eine präzise Modellierung der extremen Risiken erfordert. Sie ist der Schutzschild der Erstversicherer gegen die „Schwarzen Schwäne“ und ermöglicht es ihnen, ihre Verpflichtungen gegenüber ihren Kunden auch nach den größten Katastrophen zu erfüllen.
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