Daten sind das Lebenselixier der Rückversicherung. In einer Branche, die sich mit der Wahrscheinlichkeit von Katastrophen und der Bewertung von Unsicherheiten befasst, sind präzise Statistiken die einzige Grundlage für nachhaltiges Wirtschaften. In diesem Pillar-Artikel werfen wir einen detaillierten Blick auf die Zahlenwelt der Rückversicherung: Marktvolumen, Schadenentwicklungen, regionale Unterschiede und die Trends, die die Zukunft der Branche bestimmen werden.
1. Das globale Marktvolumen: Ein wachsender Riese
Der globale Rückversicherungsmarkt hat in den letzten Jahren ein stetiges Wachstum verzeichnet. Trotz wirtschaftlicher Unsicherheiten und der COVID-19-Pandemie ist der Bedarf an Risikotransfer ungebrochen.
Kennzahlen des Gesamtmarktes (Schätzungen 2024/2025)
- Globales Prämienvolumen: Das gesamte durch Rückversicherung gezeichnete Bruttoprämienvolumen wird weltweit auf über 600 Milliarden US-Dollar geschätzt.
- Wachstumsrate (CAGR): Der Markt wächst mit einer durchschnittlichen jährlichen Rate von etwa 5 % bis 8 %, getrieben durch steigende Versicherungswerte und neue Risiken wie Cyber.
- Kapitalbasis: Das gesamte im Rückversicherungsmarkt verfügbare Kapital (Dedicated Reinsurance Capital) liegt bei ca. 750 bis 800 Milliarden US-Dollar.
2. Regionale Verteilung: Wo die Risiken fließen
Die Rückversicherung ist ein globales Geschäft, aber die Konzentration von Kapital und Risiken ist ungleich verteilt.
Die wichtigsten Märkte
- Nordamerika: Der mit Abstand größte Markt, insbesondere für Katastrophenrisiken (Hurrikane, Waldbrände). Etwa 40-45 % der globalen Rückversicherungsprämien entfallen auf diese Region.
- Europa: Heimat der größten Rückversicherer (Munich Re, Swiss Re, Hannover Rück). Europa ist ein reifer Markt mit Fokus auf Haftpflicht, Kraftfahrt und Sachversicherung.
- Asien-Pazifik: Die Wachstumsregion. Insbesondere China und Indien verzeichnen zweistellige Wachstumsraten, da die Versicherungsdichte (Penetration) dort noch deutlich unter dem westlichen Niveau liegt.
| Region | Marktanteil (ca.) | Haupttreiber |
|---|---|---|
| Nordamerika | 42 % | Naturkatastrophen, Haftpflicht |
| Europa | 28 % | Regulierung (Solvency II), Kfz |
| Asien-Pazifik | 22 % | Wirtschaftswachstum, Urbanisierung |
| Rest der Welt | 8 % | Schwellenländer, Spezialrisiken |
3. Schadenstatistiken: Die Kosten der Katastrophen
Die Statistik der versicherten Schäden ist der wichtigste Indikator für die Profitabilität der Branche. Wir beobachten einen besorgniserregenden Trend zu höheren Schäden.
Naturkatastrophen (NatCat)
In den letzten Jahren haben die versicherten Schäden aus Naturkatastrophen regelmäßig die Marke von 100 Milliarden US-Dollar pro Jahr überschritten.
* Rekordjahre: Jahre wie 2017 (Hurrikane Harvey, Irma, Maria) oder 2022 (Hurrikan Ian) zeigen die enorme Volatilität.
* Sekundärgefahren: Ein neuer Trend sind die sogenannten „Secondary Perils“ wie Hagel, lokale Überschwemmungen und Waldbrände. Diese verursachen mittlerweile oft höhere Gesamtschäden als die großen „Primary Perils“ (Erdbeben, Hurrikane).
Die „Protection Gap“
Eine der wichtigsten Statistiken für die Branche ist die Deckungslücke (Protection Gap). Dies ist die Differenz zwischen dem wirtschaftlichen Gesamtschaden einer Katastrophe und dem tatsächlich versicherten Teil.
* Weltweit sind oft nur 30 % bis 40 % der Schäden versichert.
* In Entwicklungsländern liegt dieser Wert oft unter 10 %, was ein enormes Wachstumspotenzial, aber auch eine soziale Herausforderung darstellt.
4. Spartenanalyse: Wo wird das Geld verdient?
Rückversicherung ist nicht gleich Rückversicherung. Die Statistiken unterscheiden sich stark nach Sparten.
Sach-Rückversicherung (Property)
Dies ist die volatilste Sparte. Hier werden die großen Katastrophenrisiken gedeckt. Die Prämienraten (Pricing) schwanken hier stark in sogenannten „Hard Markets“ (hohe Preise nach großen Schäden) und „Soft Markets“ (sinkende Preise bei viel Wettbewerb).
Haftpflicht-Rückversicherung (Casualty)
Hier sind die Schäden „Long-Tail“, das heißt, es kann Jahrzehnte dauern, bis ein Schaden endgültig abgewickelt ist (z.B. Asbest-Schäden oder Berufskrankheiten). Statistiken zeigen hier eine steigende Tendenz durch die sogenannte „Social Inflation“ – immer höhere Entschädigungssummen durch Gerichtsurteile, insbesondere in den USA.
Lebens- und Krankenrückversicherung (Life & Health)
Diese Sparte ist deutlich stabiler. Die Statistiken basieren auf Sterblichkeitsraten (Mortalität) und Krankheitsverläufen (Morbidität). Die COVID-19-Pandemie war hier ein statistischer Ausreißer, der zu deutlich höheren Auszahlungen führte, als die Modelle vorhergesagt hatten.
5. Die Combined Ratio: Der Gradmesser der Effizienz
Die Combined Ratio (Schaden-Kosten-Quote) ist die wichtigste statistische Kennzahl für den Erfolg eines Rückversicherers.
- Durchschnitt der Top 50: In den letzten 10 Jahren lag die durchschnittliche Combined Ratio der führenden Rückversicherer bei etwa 96 % bis 99 %.
- Ausreißer: In schweren Katastrophenjahren kann diese Quote auf 110 % oder mehr steigen.
- Kostenquote: Die reinen Verwaltungskosten (Expense Ratio) liegen bei effizienten Rückversicherern oft unter 30 %, was deutlich niedriger ist als bei vielen Erstversicherern.
6. Alternative Kapazität: Der Aufstieg von ILS
Ein wichtiger statistischer Trend ist das Wachstum von alternativem Kapital.
* Volumen: Das Volumen von Insurance-Linked Securities (ILS) und Cat Bonds liegt mittlerweile bei über 100 Milliarden US-Dollar.
* Marktanteil: Etwa 15 % der weltweiten Katastrophen-Rückversicherungskapazität wird mittlerweile durch den Kapitalmarkt und nicht durch klassische Rückversicherer bereitgestellt.
7. Rückversicherung in Deutschland: Ein statistischer Sonderfall
Deutschland ist nicht nur die Heimat von zwei der drei weltgrößten Rückversicherer, sondern auch ein bedeutender Markt an sich.
* Marktteilnehmer: Über 30 Rückversicherungsunternehmen haben ihren Sitz in Deutschland.
* Exportweltmeister: Deutsche Rückversicherer erzielen über 80 % ihrer Prämien im Ausland, was die enorme globale Bedeutung des Standorts unterstreicht.
8. Zukunftstrends: Was die Daten für morgen sagen
Die statistische Analyse lässt drei große Trends für die kommenden Jahre erkennen:
1. Steigende Preise: Aufgrund der Inflation und der hohen Schäden befinden wir uns in einer Phase steigender Rückversicherungsraten.
2. Cyber-Wachstum: Statistiken prognostizieren, dass der Cyber-Rückversicherungsmarkt bis 2030 eine der wichtigsten Sparten werden könnte.
3. Klimawandel-Modellierung: Die statistischen Modelle müssen angepasst werden, da historische Daten (die letzten 50 Jahre) nicht mehr ausreichen, um die Zukunft (die nächsten 10 Jahre) vorherzusagen.
Fazit: Die Macht der Zahlen
Statistiken in der Rückversicherung sind mehr als nur trockene Tabellen. Sie sind das Frühwarnsystem der Weltwirtschaft. Sie zeigen uns, wo die Risiken wachsen, wie teuer der Klimawandel wird und wie stabil unser Finanzsystem ist. Für Investoren, Versicherer und politische Entscheidungsträger ist der Blick auf diese Zahlen unerlässlich, um die Welt von morgen sicherer zu machen.
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