Die Fakultative Rückversicherung ist eine Form der Rückversicherung, bei der sowohl der Erstversicherer (Zedent) als auch der Rückversicherer die Freiheit haben, jedes einzelne Risiko individuell zu prüfen und zu entscheiden, ob sie es zedieren bzw. übernehmen wollen. Der Begriff „fakultativ“ leitet sich vom lateinischen facultas ab, was „Möglichkeit“ oder „Wahlfreiheit“ bedeutet.
Funktionsweise
Im Gegensatz zur obligatorischen Rückversicherung, bei der ganze Portfolios automatisch rückversichert werden, wird bei der fakultativen Rückversicherung jedes Risiko separat behandelt:
- Angebot des Zedenten: Der Erstversicherer bietet dem Rückversicherer ein spezifisches Einzelrisiko zur Rückversicherung an. Dies geschieht in der Regel bei besonders großen, komplexen oder ungewöhnlichen Risiken, die nicht unter die Bedingungen eines bestehenden obligatorischen Vertrages fallen.
- Individuelle Prüfung: Der Rückversicherer prüft das angebotene Risiko detailliert. Er analysiert die Risikomerkmale, die Prämienkalkulation des Zedenten und seine eigenen Kapazitäten und Risikobereitschaft.
- Entscheidung: Sowohl der Zedent als auch der Rückversicherer können frei entscheiden, ob sie den Vertrag abschließen wollen oder nicht. Es gibt keine Verpflichtung zur Annahme.
Vorteile der Fakultativen Rückversicherung
- Flexibilität: Sie bietet maximale Flexibilität für beide Parteien, um maßgeschneiderte Lösungen für spezifische Risiken zu finden.
- Risikoselektion: Der Rückversicherer kann die Risiken, die er übernimmt, sehr genau selektieren und seine Underwriting-Expertise voll einsetzen.
- Kapazitätsbeschaffung: Für den Erstversicherer ist sie eine Möglichkeit, zusätzliche Kapazität für sehr große Einzelrisiken zu beschaffen, die seine obligatorischen Verträge übersteigen würden.
- Marktkenntnis: Die fakultative Rückversicherung ermöglicht es Rückversicherern, ein tiefes Verständnis für spezifische Risiken und Märkte zu entwickeln.
Nachteile
- Hoher Verwaltungsaufwand: Jedes Risiko muss einzeln verhandelt und verwaltet werden, was zu höheren Transaktionskosten führt.
- Zeitaufwand: Der Prozess kann zeitaufwendig sein, was bei schnell zu zeichnenden Risiken problematisch sein kann.
- Unsicherheit: Es gibt keine Garantie, dass ein Risiko rückversichert wird, was für den Erstversicherer Planungsunsicherheit bedeutet.
Anwendungsbereiche
Fakultative Rückversicherung wird typischerweise für:
- Große Einzelrisiken: Wie z.B. die Versicherung eines Satellitenstarts, eines großen Bauprojekts oder eines einzelnen Öltankers.
- Ungewöhnliche Risiken: Risiken, die nicht standardisiert sind oder für die keine etablierten obligatorischen Verträge existieren.
- Neue Geschäftsfelder: Wenn ein Erstversicherer in ein neues Geschäftsfeld eintritt und zunächst keine obligatorische Deckung hat.
Obwohl der Verwaltungsaufwand höher ist, bleibt die fakultative Rückversicherung ein unverzichtbares Instrument für die Absicherung von Spitzenrisiken und die Beschaffung von Spezialkapazitäten im globalen Rückversicherungsmarkt.
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