In der komplexen Welt des Risikomanagements gibt es ein Instrument, das für Außenstehende oft rätselhaft wirkt, für Großkonzerne aber ein unverzichtbarer Baustein ihrer Finanzstrategie ist: die Captive Insurance Company. Eine Captive ist im Grunde eine konzerneigene Versicherungsgesellschaft, die primär dazu dient, die Risiken des Mutterkonzerns und seiner Tochtergesellschaften zu versichern. Doch der Clou liegt in der Verbindung zur Rückversicherung: Captives agieren oft als Brücke zum globalen Rückversicherungsmarkt und ermöglichen es Unternehmen, wie ein Versicherer zu agieren.

In diesem Artikel erklären wir, warum Konzerne wie Siemens, BMW oder Apple eigene Versicherer gründen, welche Rolle Standorte wie Bermuda oder Luxemburg spielen und wie Captives die Dynamik zwischen Erst- und Rückversicherung verändern.

1. Was ist eine Captive? Eine Definition

Eine Captive (deutsch: „gefangene“ Versicherungsgesellschaft) ist eine rechtlich selbstständige Versicherungsgesellschaft, deren einziger oder überwiegender Zweck die Versicherung der Risiken ihres Mutterunternehmens oder verbundener Unternehmen ist.

Die Grundstruktur

Anstatt eine Prämie an einen externen Erstversicherer (z.B. Allianz oder AXA) zu zahlen, zahlt der Konzern die Prämie an seine eigene Captive. Die Captive wiederum behält einen Teil des Risikos (den Selbstbehalt) und kauft für die darüber hinausgehenden Risiken Schutz am Rückversicherungsmarkt.

2. Warum gründen Unternehmen Captives? Die Vorteile

Die Entscheidung für eine Captive ist keine reine Steuerentscheidung, sondern hat tiefgreifende strategische Gründe:

A. Kosteneinsparung und Transparenz

Externe Versicherer kalkulieren in ihre Prämien Verwaltungskosten, Maklergebühren und eine Gewinnmarge ein. Mit einer Captive behält der Konzern diese Margen im eigenen Haus. Zudem erhält das Unternehmen volle Transparenz über seine Schadendaten, was ein gezielteres Risikomanagement ermöglicht.

B. Direkter Zugang zum Rückversicherungsmarkt

Dies ist der entscheidende Punkt für unser Thema. Ein Industrieunternehmen kann normalerweise keine Rückversicherung bei der Munich Re oder Swiss Re kaufen – Rückversicherer arbeiten nur mit anderen Versicherern zusammen. Durch die Gründung einer Captive wird das Unternehmen selbst zum Versicherer und erhält direkten Zugang zu den oft günstigeren Kapazitäten des Rückversicherungsmarktes.

C. Versicherung von „unversicherbaren“ Risiken

Manchmal bietet der klassische Versicherungsmarkt keine Deckung für spezifische Risiken an (z.B. bestimmte Cyber-Risiken oder Reputationsschäden). Eine Captive kann diese Risiken decken und so eine maßgeschneiderte Lösung für den Konzern schaffen.

D. Cashflow-Optimierung

Die Prämien bleiben innerhalb der Konzerngruppe und können dort investiert werden, bis sie für Schadenzahlungen benötigt werden. Dies verbessert die Liquidität des Gesamtkonzerns.

3. Die Rolle der Rückversicherung für Captives

Eine Captive ist selten in der Lage, ein Milliardenrisiko (z.B. den Absturz eines Flugzeugs oder die Explosion einer Fabrik) allein zu tragen. Hier kommt die Rückversicherung ins Spiel:

  • Fronting: Oft schaltet der Konzern einen klassischen Erstversicherer (den Fronting-Partner) vor, der die Policen lokal ausstellt. Dieser leitet das Risiko fast vollständig an die Captive weiter, die es wiederum bei einem Rückversicherer absichert.
  • Risikotransfer: Die Captive dient als Filter. Sie trägt die „Kleinschäden“ selbst und nutzt die Rückversicherung nur für die existenzbedrohenden Großschäden.

4. Standorte: Warum Bermuda, Cayman und Luxemburg?

Captives werden oft an spezialisierten Standorten (Domiciles) gegründet.

  • Bermuda & Cayman Islands: Die Weltmarktführer für Captives. Sie bieten eine hochspezialisierte Infrastruktur, eine effiziente Regulierung und steuerliche Vorteile.
  • Luxemburg & Irland: Die bevorzugten Standorte für europäische Konzerne, da sie den „EU-Pass“ bieten, mit dem die Captive in der gesamten EU tätig sein kann.
  • Onshore-Trends: Immer mehr Länder (auch Deutschland in begrenztem Maße) versuchen, ihre Gesetze anzupassen, um Captives im eigenen Land zu halten.

5. Herausforderungen und Regulierung

Eine Captive zu betreiben, ist kein Kinderspiel. Sie unterliegt strengen regulatorischen Anforderungen (z.B. Solvency II in Europa).

  • Kapitalausstattung: Die Captive muss über ausreichend Eigenkapital verfügen, um ihre Risiken zu decken.
  • Substanz: Steuerbehörden fordern heute, dass eine Captive echte „Substanz“ am Standort hat (eigenes Personal, echtes Management), um nicht als reine Briefkastenfirma zur Steuervermeidung eingestuft zu werden.

6. Fazit: Ein mächtiges Werkzeug im Risikomanagement

Captives sind der Beweis dafür, dass die Grenzen zwischen Industrie und Versicherung verschwimmen. Sie ermöglichen es Großunternehmen, die Vorteile des Rückversicherungsmarktes direkt zu nutzen und ihr Risikomanagement auf ein professionelles Niveau zu heben. In einer Welt volatiler Versicherungsmärkte sind Captives für viele Konzerne der Anker, der ihnen Stabilität und Unabhängigkeit verleiht.


Dieser Artikel ist Teil unseres umfassenden Themenclusters zu Rückversicherungsunternehmen. Erfahren Sie mehr über die globalen Zusammenhänge in unserem Hauptartikel: Die Giganten der Branche: Rückversicherungsunternehmen im Fokus.

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