Bermuda, ein britisches Überseegebiet im Nordatlantik, ist weit mehr als nur ein Urlaubsparadies mit rosa Sandstränden. In der Welt der Hochfinanz und des Risikomanagements gilt die Insel als die „Welthauptstadt der Rückversicherung“. Insbesondere wenn es um den Schutz vor verheerenden Naturkatastrophen wie Hurrikanen, Erdbeben oder Überschwemmungen geht, führt kein Weg an den Bermuda-Reinsurers vorbei. Doch wie konnte eine kleine Inselgruppe mit nur etwa 65.000 Einwohnern zu einem derart mächtigen Zentrum der globalen Versicherungswirtschaft aufsteigen?

In diesem Artikel analysieren wir die Entstehungsgeschichte, die regulatorischen Rahmenbedingungen und die führenden Akteure des Bermuda-Marktes. Zudem zeigen wir auf, warum dieser Standort für die globale Stabilität unverzichtbar ist und wie er sich im Vergleich zu den traditionellen Zentren wie München oder Zürich positioniert.

1. Die historische Entwicklung: Von der Nische zum Weltmarktführer

Der Aufstieg Bermudas zum Rückversicherungs-Hub war kein Zufall, sondern das Ergebnis gezielter wirtschaftspolitischer Entscheidungen und glücklicher (wenn auch schmerzhafter) Marktereignisse.

Die Anfänge und die „Captive“-Welle

In den 1960er und 1970er Jahren begann Bermuda als Standort für Captives (konzerneigene Versicherungsgesellschaften). Große US-Konzerne gründeten dort eigene Versicherer, um ihre Risiken effizienter zu managen und Steuervorteile zu nutzen. Dies legte den Grundstein für die notwendige Infrastruktur aus Anwälten, Buchhaltern und Versicherungsexperten.

Die Geburtsstunde der Katastrophen-Rückversicherung

Der eigentliche Durchbruch kam jedoch in den 1980er und 1990er Jahren. Nach massiven Kapazitätsengpässen im US-Haftpflichtmarkt und verheerenden Schäden durch Hurrikan Andrew (1992) entstand ein enormer Bedarf an neuem Rückversicherungskapital. Da die traditionellen Märkte zögerten, floss massives Kapital von Wall-Street-Investoren nach Bermuda. Hier wurden spezialisierte Rückversicherer wie RenaissanceRe gegründet, die sich von Anfang an auf die mathematische Modellierung von Katastrophenrisiken konzentrierten.

2. Der regulatorische Rahmen: Solvency II Equivalence als Ritterschlag

Ein entscheidender Faktor für den Erfolg Bermudas ist die Bermuda Monetary Authority (BMA). Die BMA hat es geschafft, ein Regulierungssystem aufzubauen, das sowohl unternehmensfreundlich als auch hochgradig seriös ist.

Solvency II Equivalence

Im Jahr 2016 erreichte Bermuda die volle Solvency II Equivalence der Europäischen Union. Dies war ein Meilenstein. Es bedeutet, dass die Aufsichtsstandards auf Bermuda als gleichwertig zu den strengen europäischen Regeln angesehen werden.
* Vorteil für europäische Versicherer: Sie können Risiken an Bermuda-Rückversicherer abtreten, ohne zusätzliches Kapital hinterlegen zu müssen – genau so, als würden sie mit einem Rückversicherer aus Deutschland oder Frankreich zusammenarbeiten.
* Vorteil für Bermuda-Firmen: Sie haben uneingeschränkten Zugang zum europäischen Markt, was ihre globale Wettbewerbsfähigkeit massiv stärkt.

Steuerliche Rahmenbedingungen

Obwohl Bermuda oft als „Steueroase“ bezeichnet wird, hat sich das Bild gewandelt. Die Insel erhebt zwar keine Körperschaftssteuer, hat aber in den letzten Jahren zahlreiche internationale Standards zur Transparenz und zum Informationsaustausch übernommen. Der Hauptvorteil für Unternehmen liegt heute weniger in der Steuervermeidung als vielmehr in der Kapitaleffizienz und der Geschwindigkeit, mit der neues Kapital in den Markt gebracht werden kann.

3. Die Hauptakteure: Die Giganten des Atlantiks

Der Bermuda-Markt wird von einer Gruppe hochspezialisierter und kapitalstarker Unternehmen dominiert.

RenaissanceRe (RenRe)

RenRe gilt als der Goldstandard in der Modellierung von Katastrophenrisiken. Das Unternehmen wurde 1993 gegründet und hat die Branche durch den Einsatz von hochentwickelten Computer-Modellen revolutioniert.
* Fokus: Property Catastrophe Reinsurance.
* Besonderheit: RenRe verwaltet zudem erhebliche Mengen an Drittkapital über Joint Ventures und Sidecars.

Everest Re

Everest Re (mittlerweile oft nur noch Everest genannt) hat sich zu einem globalen Allsparten-Rückversicherer entwickelt, behält aber seine starken Wurzeln auf Bermuda.
* Stärke: Enorme Kapazität und eine breite Diversifikation über Sach-, Haftpflicht- und Spezialrisiken.

Arch Capital Group

Arch ist ein Paradebeispiel für die Agilität des Bermuda-Marktes. Das Unternehmen ist in der Rückversicherung, der Erstversicherung und der Hypothekenversicherung tätig und zeichnet sich durch ein sehr diszipliniertes Underwriting aus.

PartnerRe

Obwohl PartnerRe mittlerweile Teil der französischen Covéa-Gruppe ist, bleibt sein operativer Schwerpunkt auf Bermuda. Es ist einer der wenigen Bermuda-Player, die eine vollständige Palette an Rückversicherungslösungen weltweit anbieten.

4. Warum Bermuda für Katastrophenrisiken prädestiniert ist

Bermuda hat sich eine einzigartige Nische geschaffen, die es von München oder Zürich unterscheidet.

Geschwindigkeit und Innovation

Wenn nach einer großen Katastrophe (wie den Anschlägen vom 11. September oder Hurrikan Katrina) Kapital knapp wird, entstehen auf Bermuda innerhalb weniger Wochen neue Gesellschaften (die sogenannten „Classes“ von Rückversicherern). Diese Agilität ist weltweit einzigartig.

Konzentration von Expertise

Auf den wenigen Quadratkilometern von Hamilton, der Hauptstadt Bermudas, findet man die weltweit höchste Dichte an Underwritern, Aktuaren und Katastrophen-Modellierern. Dieser „Cluster-Effekt“ führt zu einer ständigen Innovation bei Risikotransfer-Lösungen.

Vorreiter bei ILS (Insurance-Linked Securities)

Bermuda ist das Weltzentrum für Catastrophe Bonds (Cat Bonds). Über 70 % der weltweiten Cat Bonds werden über Zweckgesellschaften (Special Purpose Insurers) auf Bermuda emittiert. Hier fließen die Welten von Versicherung und Kapitalmarkt nahtlos zusammen.

5. Herausforderungen und Zukunftsausblick

Trotz des Erfolgs steht der Bermuda-Markt vor Herausforderungen:
* Klimawandel: Da Bermuda-Rückversicherer stark auf Naturkatastrophen fokussiert sind, trifft sie die Zunahme von Wetterextremen besonders hart. Sie müssen ihre Modelle ständig anpassen, um profitabel zu bleiben.
* Globaler Mindeststeuersatz: Die Einführung einer globalen Mindeststeuer von 15 % (OECD Pillar Two) wird auch Bermuda betreffen. Die Regierung hat bereits angekündigt, eine eigene Körperschaftssteuer einzuführen, um die Einnahmen auf der Insel zu halten.
* Wettbewerb: Andere Standorte wie Singapur oder die Cayman Islands versuchen, Bermuda Marktanteile im Bereich der ILS streitig zu machen.

Fazit: Der unverzichtbare Stabilitätsanker

Bermuda ist weit mehr als ein Offshore-Finanzplatz. Es ist das Labor der Rückversicherungswirtschaft, in dem neue Wege des Risikotransfers entwickelt werden. Ohne die Kapazität und die Expertise der Bermuda-Reinsurers wäre die globale Wirtschaft deutlich schlechter gegen die finanziellen Folgen von Naturkatastrophen geschützt. Die Insel bleibt der Ort, an dem das Kapital der Welt auf die größten Risiken der Natur trifft.


Dieser Artikel ist Teil unseres umfassenden Themenclusters zu Rückversicherungsunternehmen. Erfahren Sie mehr über die globalen Zusammenhänge in unserem Hauptartikel: Die Giganten der Branche: Rückversicherungsunternehmen im Fokus.

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