Loss Development, oder Schadenabwicklung, ist ein kritischer Prozess in der Versicherungs- und Rückversicherungsbranche, der die Entwicklung der geschätzten und tatsächlich gezahlten Schäden über die Zeit hinweg beschreibt. Insbesondere bei langlebigen Sparten wie der Haftpflicht- oder Berufsunfähigkeitsversicherung können Schäden erst Jahre oder sogar Jahrzehnte nach dem Schadenereignis vollständig bekannt sein und reguliert werden. Der Prozess der Loss Development befasst sich mit der Anpassung der ursprünglichen Schadenreserven, um diesen zeitlichen Versatz zu berücksichtigen.

Die Herausforderung der Unsicherheit

Wenn ein Schadenereignis eintritt, ist die endgültige Höhe des Schadens oft nicht sofort bekannt. Ein Versicherer muss Schätzungen vornehmen und entsprechende Schadenreserven bilden. Diese Reserven umfassen:

  • Bekannte, aber noch nicht regulierte Schäden: Schäden, die gemeldet wurden, aber deren endgültige Kosten noch nicht feststehen.
  • IBNR-Schäden (Incurred But Not Reported): Schäden, die bereits eingetreten sind, aber dem Versicherer noch nicht gemeldet wurden.

Die Loss Development analysiert, wie sich diese Schätzungen im Laufe der Zeit entwickeln. Wenn die tatsächlichen Schäden höher ausfallen als ursprünglich geschätzt, spricht man von einer Adverse Loss Development (ungünstige Schadenentwicklung). Sind sie niedriger, handelt es sich um eine Favorable Loss Development (günstige Schadenentwicklung).

Methoden der Loss Development

Aktuare verwenden verschiedene statistische Methoden, um die zukünftige Schadenentwicklung zu prognostizieren. Die bekannteste Methode ist die Chain-Ladder-Methode, die historische Schadenentwicklungsmuster nutzt, um zukünftige Entwicklungen zu extrapolieren. Andere Methoden umfassen:

  • Bornhuetter-Ferguson-Methode: Kombiniert historische Muster mit einer A-priori-Schätzung.
  • Berliner-Methode: Eine weitere statistische Methode zur Schätzung der IBNR-Reserven.

Bedeutung für Rückversicherer

Für Rückversicherer ist die Loss Development von entscheidender Bedeutung, da sie die Profitabilität ihrer Verträge direkt beeinflusst. Eine ungünstige Schadenentwicklung kann zu unerwarteten Verlusten führen, während eine günstige Entwicklung zu zusätzlichen Gewinnen führen kann. Rückversicherer müssen daher die Schadenentwicklung ihrer Zedenten genau überwachen und in ihre eigenen Reserven und Preismodelle einbeziehen.

Auswirkungen auf die Preisgestaltung

Die historische Loss Development eines Zedenten ist ein wichtiger Faktor bei der Preisgestaltung neuer Rückversicherungsverträge. Eine Historie ungünstiger Schadenentwicklungen kann zu höheren Prämien oder strengeren Vertragsbedingungen führen, da der Rückversicherer ein höheres Risiko für zukünftige Reserveverstärkungen einkalkulieren muss.

Zusammenfassend ist Loss Development ein komplexer, aber unverzichtbarer Prozess, der die Unsicherheit im Versicherungsgeschäft quantifiziert und managt. Er ist das Fundament für eine solide Finanzplanung und Risikobewertung in der gesamten Branche.

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